Spontan in den Rockies unterwegs

Ich blieb noch ein paar Tage in Vancouver, ließ die Seele baumeln und verabschiedete Anja, die wieder nach Hause flog. Dann wollte ich los. Vancouver war mir irgendwie zu anstrengend und voll geworden, deswegen buchte ich eine Busfahrt nach Kelowna, im Okanagan Valley, ca. auf der halben Strecke zwischen Vancouver und Calgary. Einen halben Tag dauerte die Busfahrt in etwa, dann stieg ich bei sehr warmen 27°C in Kelowna aus dem Bus. Kelowna, zentral in den südlichen kanadischen Rockies gelegen ist generell sehr trocken und warm, die Landschaft erinnert tatsächlich ein wenig an die Pyrenäen.
Ich hatte auf meine Anfragen auf couchsurfing.com bisher noch keine Antworten erhalten, also machte ich mich erst einmal auf und suchte eine Bleibe für ein oder zwei Nächte. Ich wurde fündig, denn wie mir wieder einfiel, gab es auch ein Samesun Hostel in Kelowna und da ging ich auch direkt hin. Ein Bett für drei Nächte gebucht und erstmal eingekauft. Die nächsten Tage verbrachte ich damit, durch Kelowna zu laufen, am Lake Okanagan in der Sonne zu liegen und Pläne für meine weitere Zeit in den Rockies zu machen. Ich hatte den losen Plan gefasst, von Kelowna über Banff im Nordosten weiter in Richtung Calgary zu reisen, allerdings wollte ich erstmal in Kelowna bleiben und nach einem Platz zum couchsurfen suchen. Nach den drei Tagen und Nächten im Hostel hatte ich nur 5 Absagen erhalten und legte meine Pläne fürs Couchsurfen erst einmal ad acta. Zudem hatte ich im Hostel Chris, einen Kieler, kennen gelernt, der einen Mietwagen hatte. Ich fragte ihn kurzentschlossen, ob er mich mitnehmen würde, da er vorhatte, nach über Banff Calgary zu fahren. Gesagt getan, wir fuhren zurück Richtung und in einem Bogen in Richtung Nordost. Obwohl ich gerade aus Vancouver abgereist war, kam mir der Zwischenstopp am False Creek doch sehr entgegen, da ich Max noch einmal besuchen konnte, bevor sich unsere Wege ganz trennten. Nach einer wenig durchschlafenen Nacht traf ich mich um 10 mit Chris am Hostel in der Granville Street wieder und wir machten uns auf den Weg nach Norden, in Richtung Whistler. Unser Weg führte an der steilen Pazifikküste entlang und hätte schöne Blicke auf den Ozean geboten, wären hangabwärts nicht lauter Bäume gepflanzt gewesen. Gegen Mittag kamen wir dann in Whistler an und planten beim Essen den weiteren Tag, kamen zu dem Schluss, dass wir in Whistler nicht bleiben wollten und machten uns auf den Weg nach Kamloops. Eigentlich hatten wir eine sehr komfortable Zeitplanung und beeilten uns darum nicht sonderlich. Dann endete der Trans-Canadian Highway (ja, die Autobahn die einmal quer durch Kanada verläuft), der zu diesem Zeitpunkt kaum mehr als eine Landstraße war (Hauptverkehrsweg…), plötzlich in einem kleinen Dorf an einer Schotterfläche. Etwas verwirrt fragten wir ein paar Einheimische nach dem Weg und wurden darüber aufgeklärt, dass wir ungefähr vor 30km falsch abgebogen und mitten in der Pampa gelandet waren. Netterweise boten die Leute an, uns zu der besagten Abzweigung zu führen. Wir folgten ihnen also und fanden so unseren Weg wieder. Der „große Highway“ lief an besagter Stelle einfach in einer Abzweigung weiter, ohne dass Schilder oder die Beschaffenheit der Straße irgendwas darüber verraten hätten. Wir kamen also erst am Abend in Kamloops an und suchten uns schnell ein Motel zum Übernachten. Am nächsten Tag setzten wir unseren Weg fort und kamen allmählich von den trockenen, beinahe steppenartigen Teilen der zentralen Rockies in die alpinen Regionen der Gletscher und schneebedeckten Gipfel und hielten im Glacier-Nationalpark kurz an um Pause und ein paar Bilder zu machen, ehe wir weiterfuhren. Der Highway war mittlerweile auch mehrspurig und insofern auch als solcher erkennbar geworden, sodass wir uns auch nicht noch einmal verfuhren und am frühen Nachmittag in Banff ankamen, wo Chris mich absetzte und weiter nach Calgary fuhr, während ich im Samesun Hostel von Banff eincheckte.
Banff, einer der großen Winter- und Bergsportorte in Westkanada, liegt mitten im Banff-Nationalpark. Ich wanderte in der Regel direkt vom Hostel aus einfach los und erkundete die Pfade rund um die Stadt, ohne tatsächlich einen Plan zu haben. Bewaffnet mit einer Karte der örtlichen Wanderwege kam ich recht gut voran. Bei meiner längsten Tour, den Elbow-River im südlich von Banff entlang, hatte ich eine Begegnung der dritten Art mit einem kleineren Schwarzbären, der quer vor mir über den Weg schoss und anschließend genauso zügig im Unterholz verschwand. Etwas perplex beeilte ich mich weiterzukommen, da ich wenig erpicht auf ein Treffen mit einer eventuellen Bärenmutter war. Die einzige andere auffällige Tierart neben den Bären waren die allgegenwärtigen Mücken, die versuchten, mir auf meinem Rückweg am Fluss entlang den Tag und im Hostel anschließend die Nacht zu verderben. Alles in allem wurden meine Wandertouren jedoch mit jeder Menge guter Fotos belohnt.
Als ich gerade meine weitere Reiseroute plante, lernte ich im Hostel Maria, eine Berlinerin, kennen, die zufälligerweise eine Mietwagen hatte und nach Edmonton wollte. Da Edmonton auch noch auf meiner Liste stand und ich sowieso noch nicht weiter geplant hatte, nahm sie mich kurzerhand mit Richtung Norden. Um nicht mit der lieben Gewohnheit, die Mietwagentrips mit mir offenbar begleitet, zu brechen, verfuhren wir uns auch auf dieser Strecke, verpassten einige Abzweigungen und verloren einmal die Straße, was diesmal jedoch dank Google-Maps und GPS immer sehr einfach korrigiert werden konnte. Die Landschaft von Alberta außerhalb der Rockies sah in etwa aus wie Niedersachen, was die Reise aber dank gerader Strecken und flachem Land sehr einfach machte.
Wir kamen also am Nachmittag in Edmonton an und da ich natürlich auch keine Unterkunft gebucht hatte, checkte ich einfach wie Maria im HI-Hostel ein. Die Stadt empfing uns mit durchwachsenem Wetter und eher kühl, was mir nach den sommerlichen Temperaturen in den Rockies nicht wirklich passte. Am nächsten Tag besichtigte ich die West-Edmonton-Mall, die größte Einkaufspassage Nordamerikas, die neben unglaublich vielen Geschäften u.a. auch noch einen Aquapark, Minigolf, Bowling und eine kleine Eisarena beherbergte, wo gerade ein Jugendhockeyturnier ausgetragen wurde. Die Teams kamen aus allen großen Hockeystädten Nordamerikas (Toronto, Calgary, Boston, NY usw.) und obwohl die Spieler schätzungsweise nicht älter als 14 waren, war das Niveau auf dem gespielt wurde absolut respektabel und die Stimmung dementsprechend gut.
Abgesehen davon beeindruckte Edmonton jedoch nicht besonders und da sich das Wetter in den folgenden Tagen auch nicht verbessern sollte, buchte ich spontan eine Busfahrt nach Calgary und fuhr noch am selben Tag gen Süden.

Zurück nach Vancouver und hoher Besuch aus der Heimat

Als ich in Port Hardy ankam, erwartete mich zuallererst eine etwas unangenehme Überraschung. Meine Kreditkartendaten waren offenbar in falsche Hände gekommen und es war versucht worden, über meine Karte 1000$ abzuheben. Meine Kreditkartenfirma hat die Transaktion jedoch als fragwürdig erkannt und meine Karte darum präventiv gesperrt. Glück im Unglück, jedoch musste ich nun jedes Mal in Deutschland anrufen und die Karte temporär entsperren lassen, wenn ich sie benutzen wollte (beispielsweise um Busse oder Hostels zu buchen).
Abgesehen davon verlebte ich einige ruhige Tage in Port Hardy, in denen ich die Zivilisation wieder für mich in Besitz nahm. Am 31. Mai kehrte ich dann per Bus und Fähre (ich war etwa 10h unterwegs) nach Vancouver zurück und zog wieder ins Samesun Hostel, in dem ich schon zu Anfang meiner Reise gewohnt hatte. Der Unterschied war gewaltig, nicht nur, dass ich wieder von lauter Menschen umgeben war, die Umstellung von windigen 12°C an der Nordküste von Vancouver Island auf gut 22°C im Stadtklima von Vancouver war wortwörtlich schweißtreibend. Ich richtete mich also in meinem neuen/alten Umfeld wieder ein und traf mich mit Max auf ein oder zwei Biere. Ich lernte außerdem im Hostel Marie, ein super cooles Mädchen aus Hamburg (oh Wunder!) kennen, die gerade erst in Vancouver angekommen war und bald nach Calgary wollte.
Am 3. Juni kam mich dann Jannik besuchen. Wir blieben einige Tage im Samesun und erkundeten die Stadt, meistens zusammen mit Marie, wobei mir ein wenig die Rolle des Guides zufiel und ich ein bisschen von „meinem“ Vancouver vorführen konnte. Einen Tag lang mieteten wir uns außerdem eine Gitarre beim Musicstore schräg gegenüber vom Hostel, was wir aber aufgrund der hohen Summe, die wir als Sicherheit für eine eher durchschnittlich teure Gitarre hinterlegen mussten, nicht nochmal machten. Nichtsdestotrotz hatten wir doch einen sehr entspannten Tag mit anständigen Möglichkeiten zur Selbstbeschallung. Der Abend endete dann standesgemäß in einer Bar.
Am 6. reiste Marie dann per Bus Richtung Calgary ab, was Jannik und ich zum Anlass nahmen, kurzfristig nach Seattle abzureisen. Wir checkten also aus und machten uns auf zum Busbahnhof. Nachdem wir Marie verabschiedet hatten, gingen wir zum Bus, der nach Seattle fuhr, zahlten dem Fahrer jeder 25$ und waren auf dem Weg in Richtung Staaten!
Nach dem üblichen Einreiseprozedere an der Grenze (ich erwischte natürlich den unfreundlichen Grenzbeamten) und einer sehr interessanten Unterhaltung mit einem amerikanischen Studenten über Gott und die Welt, kippten wir zu nachtschlafender Zeit in Seattle aus dem Bus und checkten einfach in das nächstbeste Hostel ein (verdammt teuer). Wir blieben also nur eine Nacht. Am nächsten Tag besichtigten wir Seattle, hatten den besten Burger aller Zeiten (beim „Red Mills“, super lecker) und fuhren am Nachmittag zum Flughafen, um einen Last-minute Flug nach Hawaii zu buchen, was der eigentliche Grund unseres kleinen Trips nach Seattle gewesen war. Nachdem sich herausstellte, dass am Flughafen direkt keine Tickets verkauft wurden, buchten wir einfach direkt am Flughafen online und übernachteten kurzerhand dort. Früh morgens um 6 liefen wir durch die Sicherheitskontrolle und saßen um 8 im Flieger gen Westen.
Wir kamen (dank Zeitverschiebung) noch morgens am Flughafen von Honolulu an und wurden von 30°C und strahlendem Sonnenschein empfangen. Ohne großen Plan nahmen wir zuerst einen Bus Richtung Innenstadt und suchten etwas zum Frühstücken. Wir entschieden anschließend, dass wir nach Waikiki, dem Haupttouristenort auf Oahu (der Insel auf der wir gelandet waren), weiterfahren wollten. Eingecheckt ins HI-Hostel, zwei Straßenzüge vom Strand entfernt, mitten in Waikiki und KLIMATISIERT. Letzteres war sehr wichtig. Es folgten Tage 5 Strand, Meer und Sonne! Außerdem kletterten wir auf den Diamondhead, einen alten Vulkankrater direkt über Waikiki. Der absolute Traum, ich denke die Bilder werden wesentlich aussagekräftiger sein als jeder weitere Satz darüber.
Am 14. landeten wir dann früh morgens wieder in Vancouver. Der Flug war einigermaßen anstrengend und auch etwas turbulent gewesen, daher nahmen wir erst ein anständiges kanadisches Frühstück zu uns (Eier, Pfannkuchen, Bacon etc.) und checkten anschließend ins HI-Hostel in Kitsilano, etwas außerhalb von Downtown und in der Nähe zum Universitätsviertel, ein. Versuchten wir zumindest, wir konnten jedoch erst gegen 3 Uhr in unsere Zimmer, weshalb wir uns zu einem kleinen Mittagsschlaf auf dem Rasen vor dem Hostel entschlossen.
Die letzten beiden Tage genossen wir nur noch die Sonne im sommerlichen Vancouver und waren viel unterwegs. Am letzten Abend trafen wir uns noch einmal mit Robin und Anja, die gerade von ihrem Roadtrip zurückkamen (Max war um die Zeit leider auf einen Kurzurlaub an die Ostküste geflogen) und tranken das ein oder andere Getränk. Wir gingen am Ende auch gar nicht erst zu Bett, sondern fuhren am Morgen gleich zum Flughafen, wo ich Jannik dann gen Heimat verabschiedete.

Von Instantpancakes, Hausbooten und Seeadlern

Fast den gesamten restlichen Mai verbrachte ich auf der „Hideaway“-Tauchlodge, einem Verbund von ca. 7 auf Baumstämmen schwimmenden Plattformen, die in Clam-Cove, einem Meerarm des Browning Pass, lagen. Der Pass ist eine Meerenge zwischen den unbewohnten Inseln Nigei Island und Balaklava Island, ca. 25km nordwestlich von Port Hardy in der Queen-Charlotte Strait gelegen.

Browning Pass
Der Pass ist einer der besten Tauchspots der Welt, insbesondere wenn man auf der Jagd nach spektakulären Unterwasserfotos ist. Das relativ kalte Wasser im Pass (während ich dort war so ca. 9°C) bietet ideale Bedingungen für Mikroorganismen, die die Grundlage für eine unglaublich vielfältige (und erstaunlich farbenfrohe) Unterwasserflora und -fauna bilden.

Am 7. Mai ging es endlich los. Nachdem ich eine Woche nichts von John, meinem Kontakt von workaway.info gehört hatte, fragte ich ein bisschen herum und fand schließlich das Inn, vor dem sein Boot immer anlegte. John traf ich dann auch bald, einen wettergegerbten Seemann in den frühen Sechzigern, der mich trotz seiner beginnenden Rückenprobleme immer noch um einen halben Kopf überragte.

Ein paar Infos zu John
Er ist Mr. Diving „himself“, zumindest was den Pass angeht. Er selbst hat während seiner aktiven Zeit als Taucher über 1000 Tauchgänge in dem Revier gemacht und kennt sich mit jedem Aspekt des Passes aus, sei es Flora und Fauna, die Beschaffenheit der Unterwasserlandschaft oder die Auswirkungen der Gezeiten. Er ist die Go-To-Person für alle möglichen bekannten Unterwasserfotografen, die im Pass Bilder machen wollen, u.a. auch für National-Geographic.

Sein ständiger Begleiter ist ironischerweise eine obligatorische Zigarette.
Einer der entspanntesten Menschen, die ich hier bisher getroffen habe.

Wir beluden also sein ca. 10m langes Boot mit Lebensmitteln für die Lodge und vollen Dieseltanks für die Generatoren, währenddessen wurde ich in die Besonderheiten des Boots eingewiesen (z.B. musste es immer mit einer leichten Schlagseite gefahren werden, da von den zwei Schiffsschrauben nur noch die rechte funktionierte).
Anschließend holten wir eine Gruppe von Gästen ab, beluden das Skiff, ein Beiboot das wir hinter uns herzogen, mit dem Gepäck und machten uns auf den Weg. Das Wetter war hervorragend, die „Raincoast“, wie die Ostseite von Vancouver Island auch genannt wird, wurde ihrem Spitznamen glücklicherweise nicht gerecht. Nach ca. 2,5h Stunden Fahrt erreichten wir endlich Clam-Cove. Ich war natürlich komplett uninformiert losgezogen und wusste so gut wie gar nicht, was mich erwartete. Man könnte es wohl eine Mischung aus Sorge, Überraschung und Vorfreude nennen, als ich das erste Mal die Lodge sah. Die Plattform auf der rechten Seite neigte sich bereits etwas bedrohlich seewärts, sodass der erste Meter bereits unter Wasser Stand, während mich auf der linken Seite das Dach eines kleinen Hauses begrüßte, das ungefähr auf Dachrinnenhöhe aus dem Wasser ragte. „Loveshack“ (Liebeshütte) war es getauft worden, wie ich später erfuhr und war ca. einen Monat bevor ich ankam gesunken.
Alles in allem überwog bei mir jedoch die Vorfreude. Das war exakt das Kanada, das ich unbedingt erleben wollte.

Kleine Anekdote zum Loveshack
Ursprünglich war die Hütte ebenfalls auf Baumstämmen gebaut worden, genau wie der Rest der Lodge. Da die Stämme jedoch allmählich verrotteten, entschied sich John dafür, sie einfach auf eine neue Unterlage aus geschäumten Schwimmkörpern zu ziehen. Die Hütte zog also um, und diente als Lagerraum.
Eines Tages wurde jedoch festgestellt, dass die Schwimmkörper allmählich zerbröselten und die Hütte sank. Darauf hingewiesen meinte John bloß, dass die Hütte zwar sinken würde, es aber noch lange nicht soweit sei. Einige Tage später fuhr er wieder nach Port Hardy, und kehrte zwei Tage darauf zurück. Am ersten Tag seiner Abwesenheit entschied die Crew eigenmächtig, nun doch die wertvollsten Dinge aus dem Loveshack zu evakuieren, was zu einer Last-minute-Aktion geriet, da die Hütte tatsächlich nur Minuten später bis zum Dach im Wasser versank.
Nun in Dialogform Johns Reaktion, als er zurückkehrte:

Crew: Hey John! Kommt dir hier nicht irgendetwas anders vor?
John *guckt sich um*: Ja! Sieht super aufgeräumt aus. Good job, guys!
Crew: Ne, wir meinen bei den Gebäuden…
John *guckt sich erneut um*: Nein?!
Crew: Der Loveshack?
John *dreht sich zur Seite und sieht das Dach aus dem Wasser gucken*: OH Shit.
*Geht weg*

Wie gesagt. Einer der entspanntesten Kanadier bisher.

Nachdem wir angelegt und das Skiff entladen hatten, lernte ich den Rest der Crew kennen. Der Einzige, der tatsächlich permanent auf der Lodge arbeitete war John, alle anderen waren freiwillige Helfer, die wie ich für Kost und Logis auf der Lodge arbeiteten. Anfänglich waren wir insgesamt 9 Helfer, Australier, Briten, Franzosen und (natürlich) Deutsche. Zu den Aufgaben gehörte das Essen für die Gäste und die Crew zu Kochen, Holz zu hacken, sämtliche Räume zu putzen und instandzuhalten, auf den Tauchgängen den Gästen zu helfen, die Druckluftflaschen neu zu befüllen und alle möglichen spontanen Problemchen zu lösen.
Die Stromversorgung der Lodge übernahmen von zwei Generatoren, das Süßwasser (nur zum Duschen und Waschen geeignet) kam von einem nahegelegenen See, Trinkwasser und Propangas zum Kochen holte John aus Port Hardy.

Die nächsten Tage fand ich mich recht gut ein und half wo ich konnte, ohne Internet und Telefon blieb mir dennoch recht viel Freizeit, die ich größtenteils mit Lesen verbrachte. Außerdem lernte ich die Location ein wenig besser kennen. Unsere direkten Nachbarn waren eine Gruppe von Holzfällern, die auf Nigei Island arbeiteten und ab und zu mal vorbeischauten, beispielsweise wenn ihnen der Kaffee ausgegangen war. Im Tausch bekamen wir von ihnen eine Krabbenfalle, mit der wir uns zwei, drei Mal ein wirklich amtliches Abendessen (bestehend aus Taschenkrebsen mit einem Körperdurchmesser von ca. 25 cm) fingen.
Um die Lodge herum lebten außerdem Weißkopfseeadler und Steinadler, Fischreiher, Seeotter, Seelöwen, Robben, Wölfe und komischerweise Kolibris. Ja, richtig, Kolibris. Die schwirrten meistens auf dem Vorderdeck um eine künstliche Futterstation herum und ließen sich dabei auch von niemandem stören, was super für Fotos war. Einige Tiere hatten es sogar zu einem Namen und (zumeist zweifelhaftem) Ruhm gebracht.
Insofern waren auf jeden Fall unsere tierischen Nachbarn bei weitem interessanter als die menschlichen.

Die Hideaway-Tiere:


Mathilda, die Fischreiherdame, fällt immer mal wieder von den treibenden Baumstämmen


Ian, die Robbe, taucht mit Vorliebe unter die Küche und macht irritierende, laute Schnaufgeräusche

Harold, der Seeotter, verrichtet sein Geschäft am liebsten im Feuerholz

Die Tage vergingen relativ zügig, sodass die erste Tauchgruppe schon bald mit John wieder abreiste, der nur auf der Lodge lebte, wenn auch Gäste dort waren. So waren wir also mit ein paar wenigen (und zugegebenermaßen auch sehr einfachen) Aufgaben für einige Tage auf uns gestellt. Die Arbeit war bereits am ersten Tag getan und so brach allgemeine Faulheit aus. Wir schliefen meistens bis Mittags, frühstückten dann Instantback-Pfannkuchen und verbrachten den Tag entweder mit Lesen, Schach spielen, Wäsche waschen oder wir nahmen uns die Kanus/Kajaks die an der Lodge lagen und erkundeten die umliegenden Gewässer, bzw. gingen auf Nigei Island wandern. auf der ersten Kajaktour lernte ich dann auch die obligatorischen Gummistiefel zu schätzen, da ich trockenen Fußes wieder an der Lodge ankam.
Nach dem Abendessen zogen wir uns dann meistens in die einzige Hütte mit Kamin zurück und spielten dämliche Spiele, mehr oder weniger verbunden mit dem ein oder anderen Bierchen…
Hauptthema der Gespräche war zumeist Johns Vorstellungen und vor allem seine „speziellen“ Vorgaben zur Essenszubereitung, woraus dann eine Liste von Regeln für die Lodge entstanden.

Zusammenfassung der Regeln des Hideaways:
1. Don’t look!

2. Don’t touch! (vor allem wenn es so aussieht, als ob es etwas stützt)

3. Wenn es noch halb funktioniert, FUNKTIONIERT es

4. IMMER Gummistiefel tragen

5. Den Instant-pancakemix nur 10 Mal umrühren. Nicht mehr.

6. Truthahn wird in einer eingefetteten, braunen Papiertüte im Ofen gebacken

7. Die einzig zulässigen Gewürze sind Margarine, Salz und Pfeffer

8. Kartoffeln werden ungeschält geviertelt und auf einem Backblech geröstet

Ein paar Tage später erwischte es mich zum ersten (und einzigen!) Mal. Als ich am Rand des Komplexes auf einen Stapel Holzbalken kletterte, brach einer dieser Balken unter mir und ich ging unfreiwillig schwimmen. Mit Klamotten und Gummistiefeln zugegebenermaßen kein Spaß, allerdings kam ich ziemlich einfach wieder aus dem Wasser und ging schnell unter die Dusche.
Das Stichwort „Schwimmen“ passt auch zur nächsten Geschichte. Als nämlich die dritte Tauchgruppe die Reise zur Lodge antrat, sank auf halbem Weg das Skiff in der rauen See. Leider hatten die Gäste John’s Anweisung nicht befolgt und den teuren und nicht wasserfesten Teil ihres Gepäcks anstatt auf das Motorboot auf das Skiff geladen. So versanken mehrere zehntausend Dollar an Ausrüstung in der kanadischen See und es konnten nur noch vier Taucher überhaupt mit zur Lodge; der Rest hatte nicht mehr genug Equipment. So wurde es eine sehr entspannte Woche für uns Helfer, da wir kaum etwas zu tun bekamen.

Trotz allem, mein absolutes Highlight waren die Nächte. Als Abends die Generatoren und damit auch alle Lichter ausgingen, erschienen im schwarzen Wasser lauter kleine Lichtpunkte. Bakterien, die bei jeder Bewegung des Wassers aufleuchteten. Unter einem wolkenlosen Himmel stand man praktisch zwischen zwei sternengespickten Universen…
Außerdem leuchteten die Bakterien auch, wenn man ins Wasser pinkelte.

Nach drei Wochen in Isolation, war es dann für mich an der Zeit, wieder nach Port Hardy zurückzukehren. Da John wegen schlechten Wetters nicht auslaufen konnte, verzögerte sich die Abreise um 3 Tage. Am vorletzten Tag nahm er die gesamte Crew nochmal mit zum Schnorcheln, wir schmissen uns also alle in Neoprenschale und bekamen so wenigstens einen kleinen Eindruck von der wunderschönen Unterwasserwelt im Pass.

Als krönenden Abschluss sahen wir auf dem Rückweg nach Port Hardy noch einen Buckelwal, der uns eine Zeit lang begleitete und dann wieder abtauchte.
In Port Hardy angekommen, nach einer großzügigen Verabschiedung, mietete ich mich wieder im North Coastal Trail Hostel ein und bereitete meine Rückkehr nach Vancouver vor.

Port Hardy

Vorgestern kam ich in Port Hardy, der größten Gemeinde des Nordteils der Insel an. Groß ist hierbei jedoch relativ zu betrachten, da Port Hardy trotzdem nur 4000 Einwohner hat. Das Boot zum Tauchresort sollte am 7. (heute) ablegen und so blieben mir noch anderthalb Tage, um die Gegend ein bisschen zu erkunden. Ich nutzte den gestrigen Tag also, um ein bisschen zu wandern und Fotos zu machen. Das Wetter war unverändert sonnig und die Seeadler, die über der Bucht kreisten, waren schon ein kleiner Vorgeschmack auf die zwei Wochen Wildnis die vor mir liegen.
Es wird auf dem Resort weder Wifi noch Handynetz geben, wenn alles glatt läuft werde ich mich also in ca. zwei Wochen mit Bildern und hoffentlich vielen Geschichten zurückmelden.
Bis dahin!
– Simon

Stippvisite in Victoria

Die letzten Tage seit neiner Abreise aus Vancouver habe ich in Victoria, der Hauptstadt von B.C, verbracht (und ja, Vancouver ist nicht Provinzhauptstadt. Die Kanadier scheinen irgendwas an kleinen Hauptstädten zu finden..). Nachdem ich den ersten Tag durch taktisches Verlieren meines Handys gleich etwas spektakulärer gestaltete  (Verlass war jedoch auch diesmal auf mein meinen Verstand weit übertreffendes Glück, sodass ich mein Telefon am Fährenterminal glücklicherweise wiederbekam), gönnte ich mir ein paar Tage in Victoria um mich zu orientieren. Ich mietete mich im Ocean Island Inn ein, einem ganz guten Hostel das einigermaßen zentral lag. Ich brachte also die folgenden Tage damit, die Stadt zu erkunden und meinen weiteren Aufenthalt auf der Insel zu planen. Das Wetter war perfekt, ich holte mir gleich am Anfang meinen ersten kleinen Sonnenbrand, gondelte auf meinem Longboard kreuz und quer durch die Stadt und lies mich vom britisch-maritimen Flair berieseln.
Bald entschied sich dann auch, wohin die Reise gehen sollte, ich bekam eine Nachricht von einem Tauchresort in Port Hardy, ca. 500km nördlich von Victoria, mit dem Angebot, dort als Freiwilliger für Kost und Logis zu arbeiten. Ich buchte also eine Busfahrt und zwei Hostelnächte im Norden und verbrachte die restliche Zeit mit spontanen Ausflügen durch die Stadt oder im Community-Room mit den anderen Backpackern, bzw. abends bei Livemusik von lokalen Bands.
Heute morgen, am 5., bin ich dann früh aufgestanden um mich um halb 7 aus dem Hostel zur Busstation aufzumachen. Klappte ohne Zwischenfälle, ich konnte sogar mein Longboard problemlos einchecken. Nun sitz ich hier im Bus und sehe einer angenehmen 9,5-stündigen Busfahrt entgegen. Naja, immerhin gibt’s hier an Bord WLAN und Steckdosen 😉
Bis demnächst aus Port Hardy!
– Simon

Zu neuen Ufern!

Erster Mai, alles neu!
Nach nun drei Monaten in Vancouver hatte ich allmählich die Nase voll vom Großstadtleben, also war es heute für mich an der Zeit, die Zelte abzubrechen. Ich habe meine Jobs und mein Zimmer gekündigt und bin heute mit dem Bus nach Süd-Vancouver gefahren, genauer gesagt zum Tsawassen-Ferry-Terminal. Von dort fährt meine Fähre (auf der ich auch gerade sitze), nach Vancouver Island, wo ich den Mai verbringen werde. Groß geplant habe ich bisher nicht, bloß für zwei Tage ein Hostelbett in Victoria gemietet.
Ich schaue mich momentan nach einer längerfristigen Unterkunft um, in der ich für Kost und Logis etwas arbeiten kann, ansonsten stehen Tofino, ein Strandort an der Westküste der Insel und natürlich Victoria auf meiner Liste.
Ich bin selber gespannt, was sich ergeben wird 😉
So long!
– Simon

Der 20. April..

Jaja, das berüchtigte Datum.
April 20 oder „four-twenty“, ist der internationale Tag des Verbrennens erquickender Botanik in entspannter Runde. In Kanada und besonders Vancouver mit Sicherheit ein größeres Thema als in Deutschland, da sowohl der Konsum als auch die Beschaffung von Marihuana hier wesentlich entspannter gehandhabt werden. So wurden in der Innenstadt zwei Straßenzüge komplett gesperrt, während auf dem Platz dazwischen ein richtiger Markt aufgebaut wurde, mit Ständen, Bühnen und allem Drum und Dran. Zudem war es auf diesem Platz erlaubt, in aller Öffentlichkeit die soeben an den Buden erstandene Ware auch gleich in Rauch aufgehen zu lassen, was normalerweise in Kanada auch verboten ist. Netterweise wurde für diesen Tag lokal beschränkt eine Ausnahme gemacht, sodass unter den Augen der Cops, die die ganze Großveranstaltung begleiteten, fröhlich und sorglos vor sich hin gequalmt wurde.
Ein durchaus skurriles Schauspiel mit einer leicht ironischen Note.
Um kurz vor 4:20 Uhr wurde dann ein kurzer Countdown angestimmt an dessen Ende sich der ganze Platz nach und nach in Dunstschwaden hüllte. Zusammen mit den Klängen von entspanntem Reggae machte das die Szenerie beinahe mystisch. Das Feeling war zumindest passend.
Letztlich packte mich dann doch die Neugier und so kaufte ich mir an einem der Stände ein wenig Gras und zog dann los um Leute zu finden, die mir weiterhelfen konnten. Immerhin kann ich weder Zigaretten drehen, noch hatte ich das entsprechende Equipment dabei. Nicht einmal Feuer hatte ich. Das brachte mir natürlich einige Schmunzler ein, jedoch traf ich bald auf zwei nette Kanadier, die sich meiner annahmen und mit denen ich mich auch gleich sehr gut verstand. Den restlichen Nachmittag verbrachten wir plaudernd in gemütlicher Runde bei herrlichstem Sonnenschein.
Abschließend kann man das Ganze denke ich als zusätzliche Erfahrung verbuchen, wobei ich gerade den Teil mit dem Joint nur bedingt wiederholen muss.
In meinen Augen tut es da auch ein schönes Bier.

– Simon

Vancouver!

Hey Leute!
Da der letzte Beitrag schon recht lange her ist (hehe) und dieser Beitrag darum sehr lang wird, werde ich ihn nicht chronologisch sondern thematisch aufbauen.

Viel Spaß beim Lesen!! 😉

Die Freizeitgestaltung

Als der Februar begann und wir Deutschen aus dem Samesun nach und nach auszogen, traf ich mich weiter regelmäßig mit Max, Anja und Robin (der jedoch sehr bald schon auf einen Roadtrip ging), meistens traditionell im Tim Horton’s um dann den jeweiligen Tag zu planen.
Einer der größeren Ausflüge war der Tag in Deep Cove, im Norden von Vancouver gelegen. Wir Vier nahmen uns vor, vom Quarry Rock, einem wunderschönen Aussichtspunkt etwas nördlich vom Örtchen Deep Cove gelegen, etwa zehn Kilometer durch den leicht bergigen Wald bis zum Lynn Canyon zu wandern, DER Hauptnatur-Attraktion in Vancouver. Nach dem entspannten Aufstieg zum Quarry Rock und ein paar Fotos von der wunderschönen Aussicht, wanderten wir dann frohen Mutes in den Wald hinein. Kurzum, wir verirrten uns total in kanadischer Botanik. Irgendwann bogen wir ohne es zu merken falsch ab und liefen tiefer inden Wald hinein, wo der Weg dann aufhörte. Anstatt gegen Mittag also am Lynn Canyon zu sein, war es bereits später Nachmittag, als wir mithilfe eines Bergbaches und GPS in etwa feststellen konnten, wo wir waren. Wir entschieden uns dem Bach zu folgen, der in einem etwa zehn Meter tiefen Canyon in Richtung eines größeren Stroms floss, an dem wir eine Straße vermuteten. Also führte uns unser Weg zurück in die Zivilisation durch ein Flussbett mit ca. fußball- bis kleinwagengroßen Findlingen, dass von beiden Seiten mit steilen und felsigen Böschungen umgeben war. Ziemlich ungemütlich, zumal natürlich niemand eine Badehose oder gar canyoningtaugliche Schutzkleidung mithatte. So kraxelten wir ca. drei Stunden teils neben, teils durch den Bach, bis wir schließlich den größeren Fluss erreichten. In der beginninden Dämmerung dreißig Meter durch etwa hüfthohes und zügig strömendes Wasser zu waten war dann die Krönung des reichlich verkorksten Wandertages, denn auf der anderen Seite fanden wir einen Weg und bald auch eine Bushaltestelle, von der aus wir vergleichsweise einfach nach Downtown zurückkamen.
Weniger abenteuerlich, aber dennoch klasse war unser Ausflug in den Lighthouse Park, einen Naturpark etwas außerhalb von Nordvancouver. Wir erwischten wirklich bestes Wetter, sodass das Wandern eher zu einem Sitzen, Fotos machen und Biertrinken geriet.
Ansonsten umfasste das Freizeitprogramm sich zu treffen und durch die Stadt zu laufen, Kaffee zu trinken oder das beste Sushi zu finden. 😀
Die musikalische Seite von Vancouver erkundete ich größtenteils mit Anja zusammen. Zuerst war da das Nickelbackkonzert Mitte März (die Karte hatte ich mir selber zum Geburtstag geschenkt), zu dem sie spontan mitkam und tatsächlich noch eine günstige Karte auf dem Schwarzmarkt ergatterte. Das Konzert fand in der großen Roger’s Arena in Downtown statt, was das Heimspiel der Band nochmal besser machte, zumal mit „The Pretty Reckless“ eine absolut geile Liveband als Vorgruppe spielte. Ab dem zweiten Song der Hausherren füllte sich dann die Halle mit dem in Vancouver fast schon allgegenwärtigen Geruch von verbrennenden (nicht ganz Küchen-) Kräutern, was die Band mit einem schiefen Lächeln und einem Spruch über das beste Gras in Kanada quittierte und sonst auch keinen zu stören schien. Der Abend war den spottbilligen Ticketpreis (so um die 40$) absolut Wert!
Die Woche darauf gingen wir mit einem meiner Mitbewohner zu dessen Freund, der gerade ein Album aufnahm und ein kleines Heimkonzert gab. Die Musik war eine ruhige Mischung aus Folk und Country, die in dem kleinen, überfüllten Wohnzimmer nochmal besonders zur Geltung kam.
Das totale Kontrastprogramm dazu bot dann unser Besuch beim Sinfonieorchester von Vancouver, für das wir über Max Freikarten bekamen. Das Konzert fand im Orpheum statt, einem klassischen Konzertsaal mitten in Downtown, in dem wir an besagtem Abend dann Sinatra hörten. Und obwohl ich kaum Stücke kannte und es überhaupt nicht zu meinem sonstigen Musikgeschmack passte, hat es mir wirklich gut gefallen.

Wohnen

Am 1. Februar zog ich an die 5049 Cambie St., ca vier Kilometer südlich von Downtown, in eine Wohngemeinschaft mit 8 anderen Leuten zwischen 20 und 30, größtenteils Studenten. Mit einer geteilten großen Küche und Bad im unteren Stockwerk, sowie privatem Zimmer, lies es sich schonmal um einiges komfortabler wohnen als im Hostel. Zwar nicht zentral gelegen, kam ich von der Wohnung mit den öffentlichen Verkehrsmitteln und/oder zu Fuß doch innerhalb von 30min zu meinen jeweiligen Arbeitsplätzen, was die 91$ Dollar für die Monatsfahrkarte zwar rechtfertigte, sie jedoch nicht weniger schmerzhaft machte…
Außerdem war es nicht weit bis zum BCL (British Columbia Liquorstore), der für mich natürlich ab meinem 19. Geburtstag (Alkoholgrenze in BC) wesentlich interessanter wurde, zumal ich dort sogar einige deutsche Biere zu einem nicht allzu astronomischen Preis fand. Etwas Gefühl von Heimat für bloß zwei Dollar pro Dose…
… wie auch immer, am ersten April verließ ich die WG und zog in Anjas alte Wohnung am Stanley Park ein, die ich mir fortan mit dem Besitzer, einem sehr freundlichen Kanadier mit asiatischen Wurzeln, teilte. Nun wohnte ich nicht einmal 5 Minuten zu Fuß vom WhiteSpot, einem meiner Arbeitsplätze entfernt und musste auch keine Monatskarte mehr kaufen, was meinen Finanzplan doch sehr entlastete, zumal die Wohnung nochmal günstiger war als meine Bleibe an der Cambie St. Nun habe ich ein Zimmer mit Kingsize-Bett und einem geräumigen Kleiderschrank, während mein Vermieter auf die Couch ins Wohnzimmer umgezogen ist. Verkehrte Welt, dachte ich mir, jedoch zerstreute die erste Nacht im wesentlich gemütlicheren Bett die letzten Gewissensbisse.

Arbeiten in Vancouver

Nachdem ich seit Mitte Februar mit etwas mehr Ernsthaftigkeit nach Jobs gesucht hatte, bekam ich zum Märzanfang gleich zwei. Der erste Job war, oh Wunder, in einem Supermarkt an der Kasse, ca. drei Kilometer von meiner damaligen Wohnung entfernt. Nach einem einwöchigen(!) Training und einem schriftlichen Test über Code -und Methodenwissen, die die mir aus Deutschland bekannten Vorraussetzungen für den Kassenjob um einiges übertrafen, begann ich also beim Nester’s Market an der Main Street Ecke 29. Avenue meine Arbeit.
Ein großer Unterschied zu deutschen Supermärkten (und vor allem Discountern) war vor allem, dass man als Kassierer grundsätzlich hinter der Kasse steht, was zu Anfang etwas ungewohnt aber mit der Zeit doch tatsächlich angenehmer ist als stundenlang zu sitzen. Außerdem ist grundsätzlich eine kürzere Wartezeit für die Kunden gewünscht, sodass unter der Woche in der Regel mindestens drei Kassen besetzt sind. So stehen bei einem Supermarkt mittlerer Größe dennoch nie mehr als fünf Kunden an einer Kasse an, kanadischer Kundenservice at its best.Kurz nachdem ich den Supermarktjob bekommen hatte, bekam ich von Max den Tipp, ich solle mich doch mal beim WhiteSpot in Downtown bewerben, da dort gerade Leute gesucht wurden. WhiteSpot ist eine seit 1927 in British Columbia ansässige Restaurantkette, die kanadische Küche mit leichtem internationalen Einschlag anbietet. Ich bewarb mich auf den Job mit der Bezeichnung „Fresh Bake“, was praktisch die Zubereitung aller Speisen beinhaltet, die nicht gegart werden. Also Salate, Desserts und Milchshakes!
Nach ebenfalls einer Woche Training und einem Online-Kurs arbeitete ich meine Schichten bereits alleine und kam erstaunlich gut in dem teilweise sehr stressigen Umfeld zurecht.
Ich scheine mit beiden Jobs wirklich Glück zu haben, da sowohl bei Nester’s als auch beim WhiteSpot ausnahmslos lustige und freundliche Menschen arbeiten. Der Ton ist immer sehr nett und entspannt, was ich von anderen Backpackern schon ganz anders erzählt bekommen habe.
Die beiden Jobs lassen sich wunderbar koordinieren, ich arbeite in der Regel jeden Tag bei einem der beiden, dafür aber fast nur nachmittags und abends, wodurch ich meine Vormittage frei planen kann.

Vorwärtskommen in der City

Wer sich wie ich in Vancouver bewegen will, ohne ein eigenes Auto zu haben oder tödlich hohe Summen für ein Taxi auszugeben (was mir tatsächlich zweimal wiederfuhr), ist entweder auf die öffentlichen Verkehrsmittel oder die körpereigene Mobilität angewiesen.
Es gibt in Vancouver genau drei Bahnlinien, die Züge sind computergesteuert und daher sehr pünktlich, außerdem mit ihren Dreiminutenintervallen wirklich eine absolut komfortable Bewegungsmöglichkeit. Allerdings räumlich begrenzt. Es sind eben nur drei Linien. Um die restlichen Ecken von Vancouver zu erreichen, ist man hier auf Busse angewiesen, was im Feierabendverkehr in Downtown ein absolutes Desaster ist, gerade als unwissender Mitteleuropäer. Man nehme das Zentrum einer Millionenstadt wie Vancouver und bestücke es mit einer Hauptverkehrsstraße nach Norden hin mit einer Größe die in etwa der der Friedrich-Ebert-Straße in Pinneberg entspricht. Dann verbinde man diese Straße noch mit der Lionsgate-Bridge, der einzigen Möglichkeit in Downtown, mit dem Auto über den Vancouver Harbour hinweg in die nördlichen Stadtteile zu gelangen. So brauchte der Bus, samt doofen Mitteleuropäer, für die 4 Haltestellen statt der im Fahrplan verzeichneten fünf Minuten dann 20. Ich kam das erste (und einzige!) Mal zu spät zur Arbeit.
Möglichkeit zwei, die eigene Körperkraft. Ursprünglich hatte ich geplant, mir ein günstiges, gebrauchtes Fahrrad in Vancouver zu kaufen. Gesagt getan, im Internet die entsprechenden Seiten gesucht und durchforstet, nach 5 Minuten dann beschlossen, dass 350$ für ein todschickes und angeblich noch gut laufendes Fahrrad aus den 80er Jahren zu viel seien, zumal die gesetzliche Helmpflicht auch noch einen passenden Deckel vorschreibt, der unter 50$ auch nicht zu bekommen ist. Ich kaufte mir also Ende März für (wesentlich preisgünstigere) 40$ ein gebrauchtes Longboard. Mit Abstand die beste Investition seit dem Bier im BCL. 😀
Auf den geräumigen und absolut perfekt gepflegten Geh- und Radwegen kommt man mit Leichtigkeit und ohne zu große Anstrengung durch die Innenstadt und es macht außerdem höllisch Spaß. Mein erstes neues Hobby in Kanada!

 

Noch (fast) wie Urlaub

Jetzt bin ich gut zwei Wochen in Vancouver und ich muss sagen, diese Stadt ist der Hammer. Man könnte Kanada bisher als „Amerika in freundlicher“ bezeichnen, denn fast überall sind die Menschen nett, hilfsbereit und interessiert. Es ist wirklich ansteckend. Türen aufhalten ist offenbar ein Volkssport, sich wie selbstverständlich im Bus über Kleinigkeiten zu unterhalten gehört zum guten Ton und insgesamt hat man hier sehr viel Verständnis für doofe Mitteleuropäer. Einziges Manko ist die Volljährigkeit, die hier, zumindest was den Alkoholkonsum und damit auch den Besuch von Bars und Konzerten angeht, erst mit 19 Jahren erreicht ist. (Wir haben unseren Zustand „Wiedererlangte Minderjährigkeit“ getauft)

Aber immer der Reihe nach. Nachdem ich am ersten Morgen im Hostel um 5:00 mit Jetlag aus dem Bett fiel und etwas ziellos durch die Räumlichkeiten gewandert war, lernte ich beim Frühstück Max aus Hamburg kennen. Wie sich herausstellte, hatten wir denselben Flug genommen, er hatte auf dem Weg nach Vancouver nur wenige Reihen vor mir gesessen. Wir entschlossen uns, das Pflichtprogramm für den Tag gemeinsam zu erledigen, welches aus Sozialversicherungsnummer (SIN) beantragen, einer Kontoeröffnung und der Wahl eines Handyvertrags bestand. Wir machten uns also auf den Weg nach in Richtung Waterfront, dem nördlichen Ende von Downtown, auf den Weg und waren gegen Mittag etwas aufgeschmissen, als wir unser „Tagesprogramm“ bereits geschafft hatten. Die Termine dauerten im Schnitt keine halbe Stunde, für die SIN waren bloß ein paar Antworten auf einfache Fragen und das Visum nötig, der Mitarbeiter bei der Royal Bank of Canada erklärte mir kurz und einfach was ich zu beachten hatte und eröffnete noch vor Ort meinen Account und der Handyvertrag war an einem Stand im Shoppingcentre nach kurzer Beratung auch gefunden. Unglaublich angenehm und einfach. So nutzten wir den restlichen Tag um nochmal „Tom Lee’s Musicstore“ eingehend zu sondieren, wo ich endlich mal wieder im schalldichten Glaskasten ordentlich Lärm machen konnte. Außerdem besichtigten wir den „Harbour Lookout“, eine 360° Aussichtsplattform, die einen wunderbaren Blick über die Stadt bot. Hier kam mir mein zartes Alter das erste (und einzige) Mal zu Pass; ich bezahlte nämlich nur den Jugendtarif.

Am nächsten Tag kamen zu unserer Gruppe noch Thomas (Schweizer), Evan (Kanadier), Etienne (Franzose) und Janina und Hella (beide Deutsch) dazu. Wir entschlossen uns das schöne Wetter zu nutzen und den Stanley Park im Nordwesten zu besuchen. Es war wirklich schön, die Sonne schien und in den Jacken wurde es viel zu warm. Ich kämpfte zwar noch etwas mit dem Rest meiner mitgenommen Erkältung, genoss es aber trotzdem. Am Abend erfuhr ich dann zum ersten Mal von Poutine, einer kanadischen Fastfood-Spezialität. Man nehme einen Pappbecher variabler Größe, fülle ihn mit (hier wirklich sehr guten) Pommes und füge als Topping eine Schicht Cheddar-Bällchen hinzu. Dann ertränke man das Ganze in einer absurden Menge brauner Bratensoße und serviere es noch lauwarm. Und ta-daa! Poutine. Das mit Abstand fieseste Fastfood das ich je die Ehre hatte zu mir zu nehmen. Einfach großartig.

Der nächste Tag verging eher schnell, ich verbrachte die meiste Zeit damit, das Internet nach Jobs und Wohnungen zu durchforsten und mit Leuten aus dem Hostel zu reden; meistens über Jobs und Wohnungen. Insgesamt sprechen die meisten Gäste im SameSun Deutsch, es gibt quasi nur Australier und Deutsche hier, was die Notwendigkeit Englisch zu sprechen eher minimiert, es aber einfacher macht, sich zu organisieren. Sozusagen gut und schlecht. Am Abend gingen wir dann mit allen zum Universitäts-Eishockey, organisiert von einer (natürlich auch deutschen) Freundin von Max. Die kanadische Universitätsliga bewegt sich ungefähr auf dem Niveau der DHL (Deutsche Hockey Liga), es war also ein sehr interessantes Spiel. Die Gastgeber, die University of British Columbia, verloren zwar leider im „Overtime“ (Verlängerung), was es aber für uns neutrale Zuschauer nochmal spannender machte.

Die nächsten Tage stellte sich ein wenig Leerlauf ein, Max fuhr mit Thomas für eine Woche nach Whistler und ich verbrachte meine Tage damit mich um meinen weiteren Aufenthalt zu kümmern, mich zu kurieren, die Erkältung klang allmählich ab und die günstigsten Einkaufsmöglichkeiten in Downtown zu finden. Ich wusch aus lauter Langeweile (und weil es nötig war) sogar meine Sachen. Schließlich stieß ich auf „Nofrills“, eine Art kanadischen Netto, in dem ich mich erstmal mit einer horrenden Menge an Spaghetti, zu einem noch horrend niedrigeren Preis, und einigen Grundlebensmitteln eindeckte. Es gab also die Woche durch Pasta in allen Variationen. :‘D Ich brachte außerdem Etienne zum Fähranleger in Süd-Vancouver, von wo er Richtung Vancouver Island aufbrach.

In der nächsten Woche wurde es dann etwas interessanter, ich besichtigte diverse Zimmer, die teilweise in alarmierendem Zustand waren, fand aber schließlich doch ein gutes, privates Zimmer in einer WG etwas außerhalb von Downtown zu einem vernünftigen Preis. Ich unterschrieb einen Mietvertrag für zwei Monate und war somit eine Sorge mehr los, da ich nun also am 1. Februar aus dem Hostel ausziehen kann. Außerdem änderte sich die Zusammensetzung unserer Gruppe ein wenig, ein weiteres deutsches Mädchen kam dazu, Anja, und Evan, Etienne und Hella verließen Vancouver. Ich war also die meiste Zeit mit Max, der mittlerweile wieder da war, Anja oder Janina unterwegs. Mit Max testete ich mich auch durch einige Sushi-Restaurants, die sehr lecker waren und eine gute und günstige Alternative zum amerikanischen Fastfood darstellten. Außerdem war ich noch auf Granville Island, einer Touristeninsel südlich von Downtown mit vielen kleinen Läden und einer recht berühmten Brauerei, auf der man aber vor allem sehr günstig auf einer Art Bauernmarkt frisches Gemüse kaufen kann, sowie im Aquarium, das mitten im Stanley Park gelegen ist. Ansonsten kauften wir ein, kochten, recherchierten nach Jobs, Wohnungen und Fahrrädern oder liefen auf gut Glück durch die Stadt.

Gestern wurde der Urlaubsmodus dann abgestellt, es ging mit Max und Anja zum schwedischen Einrichtungshaus unseres internationalen Vertrauens. Da wir inzwischen schon alle eine Unterkunft gefunden hatten, shoppten wir ein bisschen eigenes Bettzeug und ein paar international leckere Hot-Dogs.

Heute werde ich soweit nicht mehr viel tun, außer mit Anja und Max zu einem kostenlosen Workshop zu gehen, auf dem man lernt, wie man in Kanada am leichtesten einen guten Job findet. Mal sehen, ob die anderen noch eine Idee für heute Nachmittag haben.

Bis bald, dann aus meiner neuen Bleibe.

-Simon

Und los!

5:30 morgens(!), Flughafen Hamburg. Der wahrscheinlich schwerste Teil der Reise gleich zu Anfang, die Verabschiedung. Die die letzten Tage stetig gewachsene Anspannung machte diesen eher unerfreulichen Akt nicht gerade einfacher, aber nach vielen Umarmungen, vereinzelten Tränen und der Sicherheitskontrolle stellte sich am Ende tatsächlich so etwas wie Vorfreude ein.
Der Flug nach Frankfurt verlief reibungslos und nach leicht verzögertem Boarding ging es dann auch schon nach Vancouver. Ich versuchte, ein kleines bisschen Schlaf nachzuholen und mir meine Erkältung nicht anmerken zu lassen. Nach der Landung in Vancouver holte ich mein Gepäck und mein Visum ab und stieg in den Sky Train, die örtliche S-Bahn. Die Kinnlade hing das erste Mal tiefer, als ich mir ein Ticket für eine Einzelfahrt ins Stadtzentrum lösen wollte: 9$! Dafür war die Bahn dann aber auch (verständlicherweise) schön leer.
Im Stadtzentrum angekommen fragte ich mich bis zum „Samesun Backpacker Hostel“, meiner Unterkunft an der Granville Street, durch. Der freundliche deutsche(!) Portier ließ mich einchecken, und so bezog ich mein erstes Bett in Kanada, in einem 4er Schlafsaal.
Den Rest des Nachmittags verbrachte ich damit, meine Sachen umzupacken und zu organisieren, und die Gegend direkt um mein Hostel zu erkunden. Die Granville Street ist Vancouvers Konsummeile, mit allerlei Geschäften und Restaurants, sodass ich relativ schnell abgesehen von dem obligatorischen McDonalds und Starbucks auch einen Tim Horton’s, Kanadas besten Coffee-Shop und einen Seven-Eleven fand, in dem ich erstmal alles Nötige einkaufte. Außerdem entdeckte ich fast gegenüber den Tom Lee Music Store, ein riesiges Musikinstrumentengeschäft, das ich mir demnächst auf jeden Fall einmal näher anschauen muss.
Nachdem ich den Jetlag mit jeweils einem wirklich guten Cappuccino und einem Apfel bekämpft hatte, bestand das Dinner dann aus einem großen Pizzastück. Satt und zufrieden beendete ich meinen ersten Tag in der Lobby des Hostels und ging dann zu Bett.

Und das war es dann auch schon vom ersten Tag!

-Simon